Lob des Lesens

Über die besondere Bedeutung des Lesens für die Persönlichkeitsentwicklung und Bildungsfähigkeit bei Kindern besteht allgemeine Übereinstimmung. Doch Lesen ist nicht nur wichtig und richtig – sondern es vermag zu faszinieren!

Das ist unser Ansatzpunkt.

Das Lesen bietet anderes als Film, Fernsehen und Videospiel: Die Lektüre als „Kino im Kopf“ fordert die eigene Phantasie, lädt ein zu langen, detailreichen Spaziergängen in selbst vorgestelltem Spielräumen. Sie gibt zu denken und zu träumen. Wer liest, phantasiert auch weiter, entwickelt dabei eigene Vorstellungsmodelle, an die immer weiter angeknüpft werden kann. Man kann das Gelesene nachspielen oder zusammen eigene Spiele daraus entwickeln.

Vor allem liegt darin auch der Anreiz, sich in einer Gemeinschaft zu artikulieren. Über lesend Erlebtes kann man miteinander sprechen und nachdenken.

Wo also liegt das Problem?

Woher kommt dann aber die verbreitete Unlust zu lesen?  Die bewegten Bilder im Film, die weitgehend dem „natürlichen“ Sehen entsprechen, sind ein relativ passives Erlebnis. Beim Lesen bedarf es hingegen der eigenen Anstrengung des Lesers, um das „Kino im Kopf“ zu starten: Lesen ist eine Leistung der aktiven Phantasie, der Konzentration. Das bedeutet, dass  eine abstrakten Vorlage in die eigene Vorstellungswelt umgesetzt werden muss. Das Leseereignis liegt genau in diesem Umsetzungsvorgang. Illustrationen in Büchern sind ebenso individuelle Umsetzungen des Erzählten in Gesehenes. Sie sind immer eine Aktualisierung der vielfältigen Bedeutungen eines Textes, immer eine persönliche Sicht darauf. Daher eröffnen sie nochmals eine neue Dimension und begleiten die Phantasie des Lesers.

Für viele liegt ihr Problem mit dem Lesen darin, dass man sich mit einem Buch zurückzieht, sich von den anderen absondert. Lesen erscheint so als eine langweilige Privatsache, die andere nicht interessiert. Hier kann das gemeinsame Lesen, das Vorlesen, das sich Austauschen über das Gelesene, das in ein Nachspielen hinübergleiten kann, eine Brücke bauen. Über dieses gemeinsame Tun können der äußerlich passive Charakter und der Eindruck der Isoliertheit abgebaut werden.

Denn ganz im Gegenteil zu dieser Auffassung kann grade das Lesen einen gemeinsamen Phantasieraum eröffnen, der ausgestaltet und bearbeitet werden kann. Das ist ein wesentlicher Aspekt unserer Kultur, die eine über-individuelle Welt der Assoziationen ist. Im Lesen gewinnen wir hieran Anschluss.

Das Lesefestival

Wie kann man die Wertschätzung des Lesens erfahrbar machen?

Über die gemeinsame Lesezeit in den Schulen, den Bekanntheitsgrad der Titel der Auswahlliste bei den Penzberger Kindern, die große Präsentation in der Stadthalle und schließlich das dreitägige Lesefestival wird die gemeinsame Wertschätzung des Lesens für die Kinder erfahrbar. Wo sonst würde sie greifbar? Kinder lesen kein Feuilleton, der Kulturbetrieb findet ohne ihre Kenntnis und Teilnahme statt. Das PENZBRERGER URMEL bietet – über die allgemeine Themenstellung hinaus - für den überschaubaren sozialen Kontext einer Kleinstadt konkret erfahrbare Lesekultur.

Zur Lektüre ermuntert werden sollen auch Kinder, die nicht vor allem sprachlich begabt und ohnehin durch die schulische Förderung in der linearen Erfassung von Texten geübt sind. Über die visuelle Wahrnehmung, und die praktische Umsetzung eröffnet sich ein viel weiterer Zugang. Die besondere Rolle, die hier seit je die Buchillustration einnimmt, war richtungweisend für die Auslobung des PENZBERGER URMELS als Preis für Autoren und Illustratoren.

Wichtig ist es, dass das Gelesene ein gemeinsames Thema wird und dass es spielerisch-künstlerisch bearbeitet werden kann. Dazu bedarf es Zeit, Muße und - besonders wichtig: einer spannenden, fordernden, faszinierenden Lektüre. Eines Buches, das etwas zu bieten hat.